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50/50 – alle gleich ? Ein Vorgespräch zur Regie-Quote

 

Brauchen wir eine Quote für die Förderung von Frauen im Regiegeschäft?

Diese Frage ist auf der diesjährigen Berlinale in aller Munde. Im Vorfeld zu dem Werkstattgespräch des DFJW « Fifty/Fifty: Mit Talent und ohne Job – Zeit für eine Regie-Quote », zu dem unter anderem die Filmemacherinnen und Schauspielerinnen Zabou Breitman und Julie Gayet eingeladen sind, hat sich die Jury Dialogue en Perspective schonmal zusammengesetzt und im « Brainstorming » ein paar Ideen zum Thema diskutiert. Auszüge eines Vorgesprächs (französische Beiträge übersetzt).

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Ich habe mal nachgelesen: In Deutschland ist es ja so, dass 85 % aller Regieaufträge von den Filmförderungen an Männer gehen. Und daher gibt es die Forderung von Regisseurinnen nach Quoten, beziehungsweise zunächst einmal die Forderung von Studien zur Vergabepraxis dieser Filmförderungen. Woran liegt es eurer Meinung nach, dass die Filmförderungen und Produzenten männliche Regisseure bevorzugen?

Alexander: Es ist vielleicht gar nicht schlecht, zuerst zu untersuchen. Ich glaube, eine Untersuchung fände ich erstmal besser, als sofort nach irgendeiner Quote zu fragen. An wen soll sich die Quote eigentlich richten? An die…

…an alle Institutionen, die die Förderungen vergeben.

Jetzt ist natürlich auch zu fragen: Wie ist die Situation in Frankreich, wie ist sie in Deutschland? Gibt es da Unterschiede?

Alice: Ich denke, für mich geht es weniger darum, eine Quote einzurichten und zur Förderung von Frauen zu verpflichten. Wenn es nur gute Projekte von Männern gibt, dann ist das eben so. Allerdings denke ich, dass das Problem, wie Karo schon gesagt hat, vielmehr bei den Institutionen liegt, die entscheiden, welche Filme sie fördern und welche nicht. In diesen Gremien muss es auch Frauen geben. Es geht nicht darum, eine bestimmte Anzahl Filme von Frauen auszuwählen, nur weil sie von Frauen gemacht sind, sondern dass es bei der Auswahl der Filme auch einen weibliche Meinungen gibt. (…)

Bedeutet es, dass die Einführung von Quoten auch eine Art Niederlage wäre? Also dass man sagt, wir müssen Quoten einführen, weil es die Gleichstellung sonst nie geben wird?

Alice: Da bin ich nicht einverstanden. Also ich glaube, wenn Frauen Talent haben – und es gibt Frauen, die Talent haben – dann können sie viel erreichen. Das Problem ist vielmehr, wer die Auswahl trifft und was die Kriterien sind. Und vielleicht schreiben Frauen über Dinge, die Männer nicht (be)treffen, das wäre eine Idee. Aber wenn Frauen mit auswählen, dann gibt es gemeinsame Schnittpunkte und somit würden Frauen präsenter sein und wir hätten eine tatsächliche Gleichstellung…und dann müsste man auch nicht mehr über Quoten diskutieren.

In der Debatte auf Deutschlandradio Kultur* wurde auch gesagt, das Produzenten oft Männer aussuchen, weil sie wissen, dass sie den Film dann besser vermarkten können.

Alice: Genau deswegen sollen Frauen auch entscheiden. Die Leute, die das bestimmen, sollen nicht mehr nur Männer sein, sondern auch Frauen. Also das ist Unsinn.

Marian: Ich finde das auch schwierig, weil das ein Feld ist, auf dem wir alle keine Experten sind, also rein empirisch, was die Zahlen angeht. Es gibt ja einige Filme, die von Frauen gemacht wurden, die totale Publikumsrenner waren. Und ich frage mich, ob es für den normalen Kinobesucher eine Rolle spielt, ob das ein Mann oder eine Frau gemacht hat, ich glaube nicht. (…) Meine Erfahrung von den Kinobesuchern, die ich so antreffe wenn ich im Kino arbeite: Denen ist das ganz egal, ob das ein Mann oder eine Frau war. Also das ist glaube ich nicht das Kriterium. Es geht immer darum: Wie war der Trailer? Das ist ein Vermarktungsaspekt, also die Frage, ist das ein Thema, was mich interessiert und so.

Also im Grunde geht es nur um den Inhalt des Films und um die Qualität?

Marian: Ja, oder wie es vermarktet wird oder wie auch immer. Aber das Geschlecht spielt zumindest meiner Meinung nach nicht so eine große Rolle.

Alice: Oder vielleicht im Gegenteil. Die Leute wollen wissen, was Frauen produzieren können, weil wir sehr viele Männerfilme sehen. Wir wissen, wie Männer Filme machen.

Marian: Wir haben uns auch ein bisschen gefragt, warum dieser Eröffnungsfilm auf der Berlinale lief, und wir haben auch festgestellt, dass wir glauben, dass das eben auch politische Gründe hat, dass das auch ein Statement ist. Und das wurde ja auch selbst von Kosslick und Co. gesagt, dass wir jetzt mal wieder eine Frau mit einem Eröffnungsfilm haben…

…das zweite Mal erst!

Lucie: Genau, auf der Pressekonferenz (Isabel Coixet) auch gesagt : Was ich will, ist mehr Geld für die Regisseurinnen !

Pauline: Ja, aber das Kriterium für die Auswahl sollte definitiv nicht die Tatsache sein, dass der Film von einer Frau ist.(…)

Also wenn man einen Film produzieren will, geht es eigentlich darum, dass man den Inhalt ohne das Geschlecht dahinter betrachtet?

Alice: Ja, genau.

Wie kann man das ausblenden? Man weiß ja immer, wer dahinter steht. Es geht ja auch um die persönliche Handschrift.

Hendrik: Generell ist Film eigentlich ziemlich männlich. Es gibt ja auch ein Raster, so ein Modell, welches man an Filme anlegen und dann eben gucken kann, inwiefern der Film eben Frauen respektiert. Allein dadurch, dass eben…ob es Frauen gibt, die miteinander reden, über etwas anderes als ein Mann zum Beispiel. Und das ist echt verdammt selten im Film schon der Fall. Und das machen auch Frauen im Film.

Marian: Siehe Eröffnungsfilm.

Hendrik: Das ist wirklich der erste Schritt, den man machen muss. Erstmal generell daran etwas ändern, als auf dieses männerdominierte Filmschaffen zu achten.

Chloé: Ich finde, es fängt schon bei den Gehältern von Männern und Frauen an. Da gibt es große Diskrepanzen. Und was die Repräsentation der Frau im Film angeht: Man sieht sie viel öfter nackt im Film als Männer und meistens stark sexualisiert.

Pauline: Filippetti, die ehemalige französische Kultusministerin, hat sich dafür eingesetzt, dass sich in Krimiserien im französischen Fernsehen das typische passiv-dümmliche Image des weiblichen Opfers ändert.

Alice: Ja, das bezieht sich auch auf die generelle Repräsentation der Frau: Dieses Image ist ja fest in den Köpfen der Menschen verankert.(…)

Kann man generell sagen, Frauen machen subtilere Filme?

Pauline: Nicht unbedingt die besseren (lacht).

Alice: Das hängt vom Film ab, von der Frau, von der Person. Das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun, noch mit ihrer Hautfarbe, Sexualität, usw.(…)

Aber trotzdem würde ich doch sagen, dass die Sozialisation als Mann oder Frau eine unglaublich große Rolle spielt. Gerade im Bereich des künstlerischen Schaffens, oder?

Marian: Für die Geschichten, die man erzählt? Ich glaube das Geschlecht spielt auf jeden Fall eine Rolle, aber das ist nicht so wichtig wie…wir haben ja schon über Identität und Herkunft gesprochen…ich glaube, das ist wichtiger. Ich glaube, Männer können feminine Geschichten erzählen und umgekehrt. Das würde ich behaupten wollen.

Alexander: Die Idee hinter der Quote ist doch, dass man davon ausgeht oder dass das der Fall ist, dass es ungefähr gleich viele gute Männer wie Frauen als Regisseure gibt und gleich viele Leute, die das studieren. Und dann kommt hinterher raus, dass der Anteil der Männer, die wirklich Regisseure sind, viel größer ist, als der Anteil der Frauen. Und dann steckt doch die Idee dahinter, daran müssen doch strukturelle Schwierigkeiten dahinterliegen, die das verursachen.

Die Frage ist ja, das Problem anfängt. Weil es ja nicht so ist, dass bei den Filmhochschulen überwiegend Männer sind. Da ist es soweit ich weiß relativ ausgewogen. Sondern das geht ja erst viel später los. Also gibt es da irgendwo einen Punkt in dem ganzen „Parcours“, wo es irgendwie hakt.

Marian: Da finde ich so spannend, das kam bei Alice gerade schon ein bisschen zum Vorschein, dass es ja Rollenbilder gibt. Das ist etwas, das natürlich nicht nur mit dem Filmbusiness zu tun hat. Also wenn wir jetzt über eine Regiequote reden, können wir ja genauso über eine Quote in Wirtschaftsunternehmen reden. Weil es da ähnlich ist. Vielleicht gibt es ja ein unterbewusstes Problem, wenn man in der Position ist, ein Projekt zu fördern. (…) Je nachdem, wieviel Männer das sind, die die Entscheidung dann treffen: Vielleicht fühlen sie sich unterbewusst männlichen Regisseuren näher. Wieviel Frauen sind denn dieses Jahr in der Perspektive Deutsches Kino vertreten, weiß das jemand?

Alexander: Relativ viele.

Alle: Ja.

Marian: Weil das Auswahlkomitee für die PDK recht weiblich ist. Das können wir ja auf jeden Fall sagen. Mit Linda als Sektionsleiterin und ihre Assistentin Anna…(…) Generell gibt es auf jeden Fall ein weibliches Übergewicht, so wie auch bei uns in der Jury (alle lachen).

Letzte Frage: Was erwartet ihr von dem bevorstehenden Werkstattgespräch zum Thema?

(Stille. Alle lachen.)

Marian: Ich frage mich, was da am Ende als Ergebnis bei rumkommt. Das ist ein schweres Thema. Mal konkret gefragt: Wer hier im Raum wäre denn für eine 50:50 Regie-Quote bei den Förderungen? Das Thema ist ja so unglaublich komplex. Und ich würde sagen: Ja, vielleicht braucht man das als „Tritt in den Hintern“, um ein System, das sehr träge ist, ein bisschen umzustrukturieren – Alexander sprach ja von Struktur. Und meine Hoffnung ist dann, dass man das in 15 Jahren wieder abschaffen kann, weil sich das System dann gewandelt hat und es eine Selbstverständlichkeit geworden ist. (…)

Vielen Dank!

 

Zum Nachlesen: http://www.proquote-regie.de/

Werkstattgespräch: « Fifty/Fifty: Mit Talent ohne Job – Zeit für eine Regie-Quote? » im Rahmen der 65. Berlinale, Do, 12. Februar 2014, 13 Uhr, Deutsche Kinemathek (4.OG) am Potsdamer Platz.

* http://www.deutschlandradiokultur.de/frauenquote-im-filmgeschaeft-preisgekroent-und-chancenlos.1083.de.html?dram:article_id=310785