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Auf Reisen

nachtzug-nach-lissabon-10-NachtNachtzug nach Lissabon

 

Jorge ist das Jurymitglied, das uns trinational macht. Er kommt aus Portugal und arbeitet gerade an der Université Paris 8 an seiner Abschlussarbeit über den deutschen Philosophen Friedrich Kittler.
Gestern war Jorge auf Reisen. Er hat eine verfrühte Heimreise angetreten und sich Nachtzug nach Lissabon (Nightrain to Lisbon) angesehen. Ein Gespräch über Film und Identität.

Regina Karl: Jorge, du hast das Buch gelesen, auf dem der Film basiert und das ein riesiger Bestseller war. Nicht nur du bist auf Reisen gewesen, sondern sozusagen auch das Buch, das zum Film wurde. Findest du diese Adaption gelungen?

Jorge Henrique Vieira Rodrigues: Ich finde, der Film hat zu viel Vertrauen in den Erfolg seiner literarischen Vorlage, von der er sich kaum wegbewegt. Das ist schade, denn dadurch geht die Sprache des Kinos zu großen Teilen völlig verloren. Die Kamera arbeitet viel zu chronologisch und vergisst ihr Potenzial, multiperspektivisch zu sein. Das merkt man vor allem in der Dreierbeziehung von Amadeu, Estefania und Jorge.
Das Buch erzählt die ganze Geschichte allein aus der Perspektive eines Schweizer Arztes, der nach vielen Jahren auf Amadeus Roman über seine Zeit im Widerstand gegen die Diktatur Salazars stößt und sich dann in Lissabon auf die Suche nach den einzelnen Personen macht, von denen Amadeu erzählt.
Die Kamera im Film hätte die Chance gehabt, Ellipsen in die Erzählung einzubauen oder mit den verschiedenen Figurenperspektiven und Zeitebenen zu spielen, entscheidet sich aber wie die literarische Vorlage dazu, immer in der Perspektive des Lehrers zu bleiben.
Der Regisseur ist also meiner Meinung nach viel zu viele Kompromisse eingegangen, was das Verhältnis von literarischer und kinematografischer Narration angeht, wo doch eigentlich dort die große Chance des Films gelegen hätte.

War der Film für dich eine kurze Reise zurück nach Hause in die Stadt, in der du studierst und lebst?

Der Film hat sehr gute Locations ausgesucht, in denen ich mich durchaus wiedergefunden habe, ohne dass sie bloße Klischees bedient hätten, die man gängigerweise von dieser Stadt am Atlantik hat.
Das hat vor allem über das Licht in diesem Film funktioniert. Müsste ich mein Bild von Lissabon beschreiben, dann wäre das eine Mischung aus einer ganz besonderen Architektur aus der Zeit nach dem Erdbeben 1755 und diesem intensiven Licht in den Straßen. In Lissabon ist es so, dass die Gebäude das Licht ausmachen und nicht umgekehrt. Dieses Verhältnis hat der Film gekonnt eingefangen. Das fließende, kräftige Licht, das einen umschließt, wenn man durch die Innenstadt geht, das hat sich gestern im Kinosaal ein wenig nach Heimat angefühlt.

Ist die Rahmenhandlung eines Lehrers, der sich von jetzt auf gleich in den Zug nach Lissabon setzt und sich auf die Suche nach den realen Orten und Menschen aus Amadeus Aufzeichnungen macht, hilfreich, um Portugal kennenzulernen?

Das ist ein wenig schade, aber im europäischen Kulturraum nimmt Portugal immer noch eine so marginalisierte Position ein, dass es die Außenperspektive des Lehrers auf Lissabon wohl braucht. Es gibt viele Beispiele, in denen ein Dritter die Brücke schlagen muss. Erich Maria Remarques Die Nacht von Lissabon ist da nur ein Beispiel. Lissabon ist für viele Europäer ein Mysterium und hat eine zu große Fremdheit, die man kaum überwinden kann, wenn man sich gleich in einen komplett portugiesischen Plot stürzt. Das ist schade, aber leider nach wie vor eine Realität.

Roman und Film erzählen vom Portugal zu Zeiten der Diktatur. Braucht es denn die Liebesgeschichte zwischen Amadeu, Jorge und Estefania, um dieses politische Thema zu erzählen?

Ich finde die Romanze in dieser Handlung keinen schlechten Zug, wenn man – wie gesagt – mitdenkt, dass sich Roman und Film an ein nicht-portugiesisches Publikum richten. Es gelingt über den Fokus auf die Schicksale dieser drei Figuren, den Exotismus Portugals ein wenig einzudämmen. Auch der Lehrer ist dabei eine gelungene Figur, denn er bleibt nicht in der Fremde, sondern fängt an, die Stadt Lissabon zu leben und sich mit der Geschichte Portugals zu identifizieren. Vielleicht ist dieser Weg über ein allgemein menschliches Prinzip wie die Liebe ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Allerdings würde ich zwischen Roman und Film einen Unterschied machen. Im Buch klappt es recht gut, die Liebesgeschichte als eine Projektionsfläche für die Geschichte Portugals zu nutzen. Gerade weil diese sehr persönliche Geschichte nur ein Fragment ist, erzählt sie sehr fokussiert und damit wieder allgemein vom Portugal unter Salazar. Im Film klappt das leider überhaupt nicht: Alles was die Bilder am Ende behaupten, sind Figuren – vor allem natürlich den Lehrer –, was das Land Portugal und seine Geschichte völlig in den Hintergrund drängt.

Ist die Diktatur denn auch für Portugal selbst ein Thema, über das nicht gesprochen wird?

Das war lange der Fall. Der Faschismus wurde komplett verdrängt und totgeschwiegen. Was mich momentan allerdings beunruhigt, sind die Folgen der Finanzkrise. Das rechte Lager gewinnt gerade einen gefährlichen Auftrieb in Portugal, und es wird ohne Scham mit rechtsextremen Parolen um sich geschmissen. Die Härte und Brutalität, mit der Salazar gegen politische Dissidenten vorging, scheint dabei völlig vergessen.
Auch in diesem Punkt gefiel mir der Roman sehr viel besser als der Film. Leider ist es so, dass die Verdrängung der Diktatur in Portugal so weit reicht, dass es immer noch keinen freien Zugang zu den Akten gibt. Natürlich gab es Gewalt und Repression, aber zu deren Ausmaß gibt es noch kein klar umrissenes Bild. Der Roman erkennt diesen Umstand an und bleibt sehr offen, was Verhöre und Folter angeht. Trotzdem ist Amadeus Geschichte aber beklemmend; die Gewalt spielt sich zwischen den Zeilen ab. Der Film aber versucht diesen Zwischenraum zu bebildern, was die Brutalität am Ende fast banal macht.

Du bist gerade auf der Berlinale, am Sonntag fährst du zurück nach Paris, eigentlich aber studierst du in Lissabon. Geben dir die vielen Reisen das Gefühl, Portugiese zu sein, oder verschwimmt deine nationale Identität dadurch?

Ich bin genauso Portugiese, wie ich Philosophiestudent bin und jemand, der Film liebt. Wenn ich jetzt hier auf der Berlinale anfangen würde, mich portugiesisch zu fühlen, dann würde ich sehr viel von meiner Persönlichkeit verlieren. Ein bisschen so, wie es der Film leider getan hat …