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“Die Berlinale ist das absolute Match-Making”

Wer sich für jungen deutschen Film begeistern kann und wissen will, was vom Nachwuchs zu erwarten ist, der kommt auf der Berlinale seit 2001 nicht um die Perspektive Deutsches Kino herum. Programmkoordinatorin Linda Söffker sprach mit uns über die Zusammenstellung eines guten Spielplans, das Verhältnis der Berlinale-Sektionen zueinander und die positiven Effekte finanzieller Engpässe für filmischen Erfindergeist.

Berlinale im Dialog: Kannst du kurz erklären, worin deine Arbeit bei der Perspektive besteht? Das ist doch sicher mehr als eine Assistenz von Alfred Holighaus?

Linda Söffker: Alfred Holighaus hat mich nie als seine Assistentin vorgestellt, er hat mich eher scherzhaft seine „Chefin“ genannt. Er meinte damit wohl, dass ich gut als sein organisatorisches Gedächtnis funktioniere und dabei auch ganz klare Ansagen mache. Das Gute an unserer Zusammenarbeit aber war für mich vor allem, dass er mich immer auch als seine Partnerin bei der Filmauswahl verstanden hat und wir uns da gegenseitig sehr vertrauen konnten – sowohl in der Bestätigung als auch im Widerspruch. Dafür mussten wir nicht immer einer Meinung sein. Alfred Holighaus ist ja auch im Auswahlkomitee für den Wettbewerb eingespannt. Also treffe ich für ihn eine gewisse Vorauswahl. Und so bin ich ganz schnell in die Verantwortung hineingewachsen.

Wie wählt ihr die Filme aus, wie recherchiert ihr?

Wir sind das Jahr über viel unterwegs, zum Beispiel auf Präsentationstagen an Filmhochschulen oder auf Festivals. Im Oktober fangen wir dann an zu sortieren und zu telefonieren. Von den Hochschulen bekommen wir eigentlich alles, was sie fertig haben. Manche übereifrigen Filmemacher schicken uns auch schon im Oktober ihre Anmeldung, obwohl sie noch am Drehen sind oder das Buch gerade erst fertig ist. Unsere Sichtungen gehen dann so richtig im November los.

Wie hoch ist dieses Jahr der Anteil an Produktionen von deutschen Filmhochschulen?

Das ist schon der größte Teil. Aber es gibt auch freie Produktionen. Bedways von RP Kahl zum Beispiel, unser Gast dieses Jahr. Oder Hollywood Drama von Sergej Moya, der ja eigentlich als Schauspieler bekannt ist. Er spielt auch in Shahada von Burhan Qurbani, der im Wettbewerb läuft. Auffällig dieses Jahr ist, dass es viele Wiederkehrer gibt.

Gibt es Regeln, wie oft jemand einen Film bei euch zeigen kann?

Perspektive heißt für uns, dass die Filmemacher noch etwas vor sich haben, noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Sie sollten nicht mehr als zwei Langproduktionen realisiert haben. Und vor allem sollte man ihre Namen noch nicht so kennen, weil ihre Filme noch kein größeres Publikum hatten. Dietrich Brüggemanns Renn, wenn du kannst, ist eine Ausnahme, denn 2006 lief bereits sein Debüt Neun Szenen in der Perspektive. Aber der zweite lange Film ist ja bekanntermaßen immer der schwierigste, und wenn er dann so gut wird wie bei Dietrich Brüggemann, dann fällt es einem ja auch nicht schwer, diese Karriere weiter zu begleiten. Darum zeigen wir ihn dieses Jahr als Eröffnungsfilm.

Welche Perspektive seht ihr denn im deutschen Film? In eurem Programm tauchen zum Beispiel viele Filmemacherinnen auf, und ihr zeigt viele eher unorthodoxe Formate wie mittellange Spielfilme, auch viele Dokumentarfilme. Spiegelt das die Realität der deutschen Filmproduktion wider, oder sind das eure Vorlieben?

Es ist wirklich so, dass es im Nachwuchsbereich sehr, sehr viele Frauen gibt. Das ist übrigens eine internationale Entwicklung. Schon an den Filmhochschulen ist der Frauenanteil viel höher als früher. Und was die Dokumentarfilme betrifft: Es werden einfach sehr viele gemacht. Bei uns bewerben sich pro Jahr viel mehr Dokumentar- als Spielfilme. Das hängt natürlich auch mit den Produktionskosten zusammen, Dokumentationen sind tendenziell viel günstiger herzustellen. Hinzu kommt, dass junge Filmemacher gerade an den Hochschulen sehr bewusst angehalten werden, sich die Welt genau anzuschauen. Sie wollen sich etablieren, ihren Standpunkt markieren. „Was bewegt mich und andere um mich herum?“ Dadurch kommen viele auf die dokumentarische Ebene. In den letzten Jahren sind ja auch verschiedene Mischformen entstanden. In vielen Dokumentarfilmen ist Inszenierung offensichtlicher geworden. Spiel- und Dokumentarfilm trennen keine Welten mehr. Bettina Blümners Prinzessinnenbad vor drei Jahren zum Beispiel war so sehr emotional angelegt, dass man den Eindruck hatte, man guckt einen Spielfilm.

Und wie ist es mit den mittellangen und kurzen Filmen?

Auch hier spielen sicher finanzielle Gründe eine Rolle, aber oft haben junge Filmemacher auch noch nicht die Puste für 90 Minuten, wollen aber eben gute 35 oder 40 Minuten abliefern. Und unsere Sektion versteht sich auch als eine Plattform für dieses Format, das ja sonst schwer unterzubringen ist.

Wollt ihr ein repräsentatives Bild des deutschen Nachwuchsfilms wiedergeben? Oder versucht ihr auch, einen Fingerabdruck zu hinterlassen; zu zeigen, wo ihr Potenziale oder eben Perspektiven erkennt?

Wir zeigen einfach, was uns gefällt (lacht). Nein, im Ernst: Es ist kein Schaufenster, so etwas wie ein Spiegel sicher schon eher. Aber wir richten uns nicht nach Trends. Wir würden zum Beispiel nicht viele Surferfilme zeigen, nur weil das gerade angesagt ist. Die Auswahl muss stimmig sein, das ist eine der programmatischen Entscheidungen. Natürlich wollen wir Spielfilme und Dokumentarfilme und mittellange Filme zeigen und von allen das Beste. Und wenn es im Moment so aussieht, dass nun einmal viel mehr Dokumentar- als Spielfilme produziert werden, dann schlägt sich das auch im Programm nieder. Aber das wichtigste Kriterium ist und bleibt: Wir wollen junge Handschriften entdecken, die eine Zukunft im deutschen Film haben werden.

Bekommt ihr alle Filme unter, die euch gefallen?

Es gibt immer mehr, als wir zeigen können. Aber das muss so sein, finde ich, dass man am Ende Entscheidungen treffen muss. Welche Filme sind die besten, oder welche fügen sich am besten zu einem Programm zusammen? Oft haben wir Filmen nicht abgesagt, weil sie schlechter waren als andere, sondern weil sie eben nicht ins Programm passten.

Und wie ist das Verhältnis zu den anderen Berlinale-Sektionen? Ein Film wie Das Leben der Anderen (Florian Henckel von Donnersmarck), der ja auch ein Hochschul-Abschlussfilm ist, aber eben gleich eine Riesenproduktion, liefe ja nicht in der Perspektive

Ja. Aber lass uns lieber über Maren Ade beispielsweise reden. Sie hatte mit ihrem ersten Langfilm Der Wald vor lauter Bäumen schon so viel Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Presse erhalten, dass alle schon sehr gespannt waren auf ihren zweiten Film. Als wir dann Alle anderen gesehen haben, war klar, das ist was richtig Großes und hat Wettbewerb-Format. In der Perspektive ist das Motto ja eher: „Wir haben euch entdeckt, wir helfen euch auf dem Weg, wir glauben, das könnte was werden.“ Bei Maren Ade wussten das schon alle. Jedenfalls sind wir mit den anderen Berlinale-Sektionen eng verbandelt und machen uns gegenseitig auf Filme aufmerksam, die in das jeweilige Profil passen. Bei uns ist der Anfang, mit den internationalen Plattformen Panorama und Forum fühlen wir uns gar nicht in Konkurrenz.

Es kommt also nicht vor, dass eine andere Sektion euch einen Film „wegschnappt“?

„Wegschnappen“ gibt es nicht auf der Berlinale. Alle Sektionsleiter arbeiten sehr gut zusammen. Wir sprechen gerne Empfehlungen aus. Manchmal kann ein Film bei der Generation eine Stimmung erzeugen, die wir bei unserem erwachsenen Publikum gar nicht hinbekämen. Dieses Jahr zum Beispiel gibt es dort mit Neukölln Unlimited von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch einen Dokumentarfilm, den wir gesehen haben und für genau den richtigen Film für 14+ hielten. Das fand die Generation dann auch und glücklicherweise ist das oft so.

Im Vordergrund steht also immer die Frage, wie man den deutschen Film am besten unterstützen kann …

Auf jeden Fall. Zum Beispiel gibt es Arbeiten, die gerade im Frühjahr fertig geworden sind, für die die nächste Berlinale ja noch sehr weit weg ist. Diese Arbeiten sehen wir dann auf anderen Festivals. Und wenn uns dann ein Regisseur oder eine Regisseurin besonders auffällt, behalten wir sie oder ihn im Auge und sind gespannt, was sie wohl als nächstes machen. Die Berlinale ist das absolute Match-Making, uns ist sehr wichtig, dass die Leute untereinander ins Gespräch kommen. An vier Tagen des Festivals organisiert die Berlinale beispielsweise einen Lunchtable für die Filmemacher der Perspektive. Da sitzen Alfred Holighaus, ich und sechs Filmemacher aus unserer Reihe, Produzenten und Regisseure, an einem runden Tisch zusammen, damit man sich kennenlernt, Verbindungen entstehen. In so einer kleinen Reihe geht das gut.

Die Perspektive geht also über das Filmezeigen hinaus?

Es ist so ein bisschen wie Kuscheln bei uns – bevor man in die härtere Branche eintaucht.

Das Interview führten Nino Klingler und Frédéric Jaeger


Zur Person:

Linda Söffker, geboren 1969 in Eberswalde, studierte Theater- und Kulturwissenschaften in Berlin. Ihre Leidenschaft für den deutschen Film entdeckte sie bei einem Praktikum im Zeughauskino, wo sie nach ihrem Studium zwei Jahre als Programmassistentin tätig war. 1999 wechselte sie in die Programmorganisation der Berlinale. Dort organisierte sie unter anderem die German Cinema-Reihe für Heinz Badewitz und wurde so zu einer Art Anlaufstelle für den deutschen Film. Mit Alfred Holighaus, dem Sektionsleiter der Perspektive deutsches Kino, arbeitete sie seit deren Gründung 2001 zusammen, seit 2002 offiziell als Programmkoordinatorin der Sektion.