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Die Sichtbarkeit des Verdrängten


Romuald Karmakar und Manfred Zapatka bei den Dreharbeiten zu Hamburger Lektionen (2006)

Es ist schon eine Besonderheit, dass ausgerechnet Romuald Karmakar in diesem Jahr den Vorsitz der „Dialogue en Perspektive“-Jury übernommen hat. Zweifellos eignet er sich als Sohn einer Französin ideal für ein Projekt, das den deutsch-französischen Dialog fördert. Zu welchem Ergebnis aber die Gespräche zwischen einer Jury, die meist unweigerlich Konsens-Entscheidungen trifft, und einem Regisseur, der sich mit seinen Filmen herrschenden Erzählkonventionen verweigert, führen, darf mit Spannung erwartet werden.

Schon in seinen frühen Filmen hat Romuald Karmakar die Regeln des Mainstream-Kinos unterlaufen, indem er von einem mündigen Zuschauer ausgeht, der nicht das Wertesystem eines autoritären Regisseurs übernehmen muss. Während seines Wehrdienstes in Frankreich drehte Karmakar den Kurzfilm Coupe de Boule (1986), der sich einem im französischen Militär weit verbreiteten Ritual widmet. Mit einer Super-8-Kamera hält der Film fest, wie Soldaten vor die Kamera treten, ihren Dienstgrad nennen und anschließend ihren Kopf mit voller Wucht gegen die Tür eines Spinds knallen. Bereits in dieser Arbeit, seiner zweiten, konfrontiert der Filmemacher sein Publikum mit einer verstörenden Handlung, die er ganz für sich stehen lässt.

Die Weigerung, moralisch Stellung zum Beobachteten einzunehmen, egal wie skandalös es sein mag, verbindet Karmakar mit seinem österreichischen Kollegen Ulrich Seidl. Wie Seidl hat er sich für diese Position schon des Öfteren den Unmut von Publikum und Presse zugezogen. Besonders in seinen frühen Filmen sind häufig kontroverse Ereignisse wie Hahnenkämpfe (Gallodrome, 1988) oder die Performance Demontage IX – Unternehmen Stahlglocke (1991) – in der sich der Künstler Wolfgang Flatz bis zur Bewusstlosigkeit als Glockenklöppel zwischen zwei Stahlplatten benutzen ließ – Gegenstand. Es ist aber keine Sensationsgeilheit oder Faszination des Grauens, die als Motivation hinter den Filmen steht. Oft wird auch mit der Erwartungshaltung gebrochen. Man sehe sich nur einmal die Dokumentation Hunde aus Samt und Stahl (1989) an, in der sich Kampfhundbesitzer vom Kiez über die Beziehung zu ihren Haustieren äußern. Da werden natürlich reichlich Klischees bestätigt. Viele der Gesprächpartner sind abgestumpfte Prolls, die ihre Tiere zu Kampfmaschinen abrichten – eben genau wie man es sich vorstellt. Und doch zeigt der Film auch zärtliche und verletzliche Seiten der Besitzer. Der Hund ist für sie eine dankbare Projektionsfläche und dient nicht selten als Ersatz für einen Freund, Partner oder ein Kind.

Mit Filmen wie Hunde aus Samt und Stahl bringt Romuald Karmakar Menschen an die Öffentlichkeit, die ansonsten eher unsichtbar sind. Ein gewisses Faible für Außenseiter hat er sich bis heute bewahrt. Sein Kurzfilm Ramses (2009) sorgte in der ansonsten eher katastrophal geratenen Leistungsschau des deutschen Films, Deutschland 09, für einen Höhepunkt. Als Beispiel für gelungene Integration kommt darin kein unkontroverser Saubermann zu Wort, sondern ein iranischer Sexclub-Besitzer, der ausgiebig über die Exzesse in seinem Laden plaudert.

In seiner Trilogie über elektronische Clubkultur entmystifizierte Karmakar die gerne verklärte Welt des Nachtlebens, insbesondere die Rolle des DJs. Mehrmals äußerte er sich in Interviews negativ über den Film Berlin Calling (2008), der das romantische Klischee vom Rockstar-Leben eines DJs zelebriert und Musik lediglich als Untermalung benutzt. Als eine Art Gegenstück erschien kurz darauf Karmakars bisher letzter Film Villalobos (2009) mit dem Musiker Ricardo Villalobos. Hier geht es dann auch wirklich um den Beruf des DJs und Produzenten. In langen Interviews geht Karmakar essenziellen Fragen nach: Wie entsteht ein Track? Nach welchen Kriterien wählt man während eines Sets Platten aus, und wie versucht man beim Feiern persönliche Sehnsüchte zu befriedigen? Dass der Job eines DJs zum einen eine eher unglamouröse Angelegenheit und zum anderen wirklich harte Arbeit ist, zeigte bereits der Film 196 BPM (2003), der in einer einstündigen, ungeschnittenen Einstellung DJ Hell beim Auflegen beobachtet.

Ein anderer Aspekt in Karmakars Werk ist die Arbeit mit historischen Texten. Der Totmacher (1995), der wohl bekannteste seiner vier Spielfilme, basiert auf den Protokollen der Verhöre, die 1924 mit dem Serienmörder Fritz Haarmann geführt wurden. Der Film gibt in Form eines Kammerspiels einen Einblick in die Denk- und Vorgehensweise eines der grausamsten Mörder in der deutschen Geschichte – das Wertesystem Haarmanns zeichnet sich dabei ebenso ab, wie auch unappetitliche Schilderungen zu hören sind, wie die Opfer zerlegt und verspeist wurden. Während das Konzept von Der Totmacher etwas zu stark von der Imitation der damaligen Zeit und der Über-Präsenz seines Hauptdarstellers Götz George verschleiert wird, dreht Karmakar einige Jahre später zwei Filme, die einen unverstellteren Zugang zu ihrem Originaltext ermöglichen.

Mit Das Himmler-Projekt (2000) und Hamburger Lektionen (2006) kreiert Karmakar eine sterile Drehsituation: Der Schauspieler Manfred Zapatka sitzt in einem Studio und liest ohne Pathos zwei Texte des Hasses – einmal die erste Posener Rede von Heinrich Himmler, das andere mal die Vorträge des Imams Mohammed Fazazi in einer Hamburger Moschee. Durch die die gleichzeitige Entfremdung und Bezugnahme – in Hamburger Lektionen werden Hintergrundgeräusche des Amateurvideos, von dem der Text transkribiert wurde, als Untertitel eingeblendet – der Originalsituation entsteht eine analytische Rekonstruktion eines totalitären, menschenverachtenden Weltbildes. In diesen beiden Filmen kommt besonders deutlich die ganz eigene Qualität von Karmakars Schaffen zum Tragen: den Zuschauer dazu zu bringen, sich mit dem ansonsten gerne Verdrängten, den Abgründen und Hässlichkeiten der menschlichen Seele auseinander zu setzen.