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Die Soziologie des Roten Teppichs

 

Er ist vielleicht das symbolträchtigste Element aller Filmfestivals, er bringt die Fans zum Kreischen und setzt die Stars in Szene: der rote Teppich. Auch auf der Berlinale schreiten hier allabendlich die wichtigen Protagonisten des Festivals die Menge ab und wer Glück hat, ergattert hier ein Autogramm oder sogar ein Star-Selfie auf dem Smartphone. Wer den Teppich betritt, überschreitet eine imaginäre Grenze vom „Profanen“ zum „Heiligen“, wenn auch nur für ein paar Minuten. Es ist ein konstruierter Raum, der sich, sobald der Teppich eingerollt ist, in Luft auflöst.

Ein Spiel mit eigenen Regeln

Der Teppich hat seine eigenen Regeln und Verhaltenscodes, die in stillschweigender Übereinstimmung befolgt werden. Die Fotografen bauen sich ihre Festung aus Trittleitern und Hockern auf, die Fans Kreischen quasi auf Knopfdruck und die Stars wissen, wie sie sich zu präsentieren haben. Ein zutiefst ritualisiertes Programm, das sich hier nun schon zum 65. Mal wiederholt und das von Berlin und der Welt verfolgt wird.

Auf dem Treppchen: Die Berlinale-Fotografen © Karolin Breda

Auf dem Treppchen: Die Berlinale-Fotografen © Karolin Breda

Kurz vor Beginn des Eröffnungsfilms der Berlinale, Nobody Wants The Night von Isabel Coixet, ist es dann soweit: Der rote Teppich liegt vor dem Friedrichstadtpalast bereit und wartet darauf, beschritten zu werden. Die Jury Dialogue en Perspective lässt sich das nicht zweimal sagen und steuert auf den Eingang zu, vor dem bereits Schlangen regulärer Zuschauer warten. Ein, zwei Sekunden im Rampenlicht, dann ist es auch schon wieder vorbei. Und dennoch liegt weiterhin der Hauch des Privilegs in der Luft, bis der Gong zum zweiten Mal ertönt und man im Dunkel des Saals zur homogenen Zuschauermenge verschmilzt.

Bleibt die Frage: Warum ist der Teppich eigentlich Rot? Ganz einfach – Rot war früher die teuerste Farbe überhaupt. Die Gewinnung des Textilfarbstoffes aus dem Drüsensekret der Purpurschnecke war eine unglaublich aufwendige Prozedur, und Rot hatte dementsprechend eine „königliche“ Sonderstellung. Aber wir können beruhigt sein: Dank synthetischer Textilherstellung müssen heutzutage wohl keine Schecken mehr dran glauben, wenn die Berlinale ihre Teppiche ausrollt.

Dialogue en Perspective auf dem roten Teppich © Karolin Breda

Dialogue en Perspective auf dem roten Teppich © Lucie Brux