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Kunst für eine bessere Welt

Jurymitglied Hana Stojic

Mit der 1982 in Sarajevo geborenen Hana Stojic ist in diesem Jahr zum ersten Mal ein bosnisches Jurymitglied vertreten. Hana ist während des Jugoslawienkrieges nach Österreich geflohen, hat dort ihr Abitur gemacht und ein Studium der Translationswissenschaft erfolgreich abgeschlossen. 2006 war sie schon einmal als Teammitglied des Films Esmas Geheimnis (Grbavica) Gast auf der Berlinale. Heute lebt Hana wieder in Sarajevo, wo sie als Übersetzerin und Kulturmittlerin arbeitet.

Du bist die erste Teilnehmerin der Jury „Dialogue en perspective“, die weder aus Deutschland noch aus Frankreich kommt. Mit welchen Erwartungen bist du nach Berlin gekommen?
Ich finde das eine sehr schöne Sache vom DFJW, dass sie die Teilnahme auch für Bosnien geöffnet haben. Bosnien-Herzegowina ist in politischer Hinsicht ein hochproblematisches Land. Es ist zweigeteilt, und 15 Jahre nach dem Krieg gibt es noch immer sehr viele politische Spannungen zwischen den drei verschiedenen Ethnien. Ich sehe die Annäherungen zwischen Deutschland und Frankreich nach den vielen Kriegen für mich auch als eine Möglichkeit zu lernen, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Was hat das DFJW bewirkt, und was kann man davon vielleicht auch in Bosnien-Herzegowina anwenden?

Bist du während des Krieges allein oder mit der ganzen Familie nach Österreich geflohen?
Mit der ganzen Familie. Es war die Entscheidung meiner Eltern, dass ich und meine jüngere Schwester nicht im Krieg aufwachsen sollen. Man hat nie gewusst, wie lange der Krieg dauern wird. Man denkt immer, morgen ist es vorbei, und ehe man sich umgeschaut hat, waren es zwölf Jahre. Dennoch hat sich die ganze Familie dazu entschlossen zurückzugehen. Wir hatten alle ein Loch in unserem Leben, und das konnte nur durch die Nähe zu Sarajevo gefüllt werden.

Hast du schon Deutsch gesprochen, als du nach Wien gekommen bist?
Nein, überhaupt nicht. Ich konnte etwas Englisch, aber das war ein Kinder-Englisch, mit dem man sich nicht wirklich ausdrücken konnte. Ich habe mehr oder weniger ein ganzes Jahr geschwiegen und die deutsche Sprache ausgesaugt. Bevor ich falsch spreche, wollte ich lieber gar nicht sprechen. Diese Erfahrung, zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen und Kulturen zu leben, hat mich dann auch sehr stark in meinem Beruf als Übersetzerin und Kulturmittlerin geprägt.

Du hast unter anderem „Die Liebhaberinnen“ von Elfriede Jelinek ins Bosnische übersetzt. Wie ist es dazu gekommen?
Mit ungefähr 22 Jahren habe ich zum ersten Mal Jelinek gelesen, ein Buch, von dem es keine bosnische Übersetzung gab. Meine beste Freundin aus Sarajevo liest selber auch sehr gerne, und über dieses Buch konnten wir uns nicht austauschen. In den Sommerferien habe ich dann beschlossen, es zu übersetzen. Kurz darauf wurde Elfriede Jelinek der Nobelpreis verliehen, und so hatte ich die Gelegenheit, die Übersetzung auch zu veröffentlichen. Später wurde ich dafür vom österreichischen Kanzleramt ausgezeichnet. Durch diese Bestätigung war mir dann auch klar, dass ich Übersetzerin werden möchte.

Was ist die besondere Herausforderung bei einer Übersetzung?
Jede Übersetzung ist auch ein Kunstwerk für sich. Es gibt Sachen, die kann man einfach nicht übersetzen. Das habe ich anhand von Jelinek, die sehr mit der deutschen Sprache und der Kultur Österreichs spielt, schon früh gelernt. Manches konnte ich nicht rüberbringen, weil Fußnoten in Übersetzungen nicht gerne gesehen sind. Die Übersetzung wird schließlich auch als „Kunst des Möglichen“ bezeichnet. Man verliert dabei etwas, kann aber auch etwas dazu gewinnen.

Gibt es in Sarajevo auch Programmkinos, die internationale Filme zeigen?
Es gibt ein Multiplex-Kino, aber das zeigt vorwiegend Blockbuster. Dann gibt es das Filmarchiv, das aber finanzielle Probleme hat, weil es keine Institution gibt, die sich darum kümmert. Das ist also auch ein staatliches Problem. Sie machen aber immer wieder Filmvorführungen zu bestimmten Themen und zeigen auch alte Filme. Es gibt jetzt auch eine Initiative, ein Kunstkino in Sarajevo zu machen, das Kriterion heißt. Außerdem gibt es ein Filmfestival, das schon während des Krieges entstanden ist. Das hat sich mit einem Schwerpunkt zu Südosteuropa zu einem regional sehr relevanten Kulturereignis gemausert. Momentan ist es wirklich ein Problem, Filme, die keine Blockbuster sind, zu bekommen. Da die Vertriebe nur an kommerziellen Filmen interessiert sind, muss man sich anders helfen und die Filme bei Amazon bestellen oder von Freunden aus dem Ausland mitbringen lassen.

Gibt es bestimmte Kriterien, die ein Film für dich erfüllen muss?
Ich mag Kunst, die engagiert ist. Ich komme selber aus einem Land, in dem gute Kunst meist mit der Kriegserfahrung zu tun hat, und das ist etwas, was mein Leben sehr stark geprägt hat. Ich weiß, dass auf der Berlinale auch Filme geschätzt werden, die politisches Engagement zeigen, und das ist für mich sehr verlockend an diesem Festival. Kunst, die sich bemüht, aus der Welt einen besseren Ort zu machen, steht bei mir an erster Stelle.