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Open in alle Richtungen – ein Gespräch mit Jake Yuzna

Open

Der New Yorker Jake Yuzna feierte mit seinem Erstling Open auf der diesjährigen Berlinale Premiere. Der Film, geprägt von Yuznas Kunstausbildung, erzählt von Transsexuellen und Hermaphroditen in den USA.

Wie würdest du Mann und Frau definieren?

Eigentlich anhand ihrer biologischen Merkmale. Aber im Grunde würde ich sagen … als was immer die Person gerne bezeichnet werden möchte.

Und sexuelle Orientierung?

In den Staaten kannst du nur eine Sache sein. Ich aber, wie viele andere auch, möchte mich nicht mit einer bestimmten sexuellen Orientierung identifizieren. Du solltest open sein für den Weg, auf den dein Herz dich führt. Im Moment jedoch würde ich so antworten: Meine Vergangenheit zeigt, dass ich auf Männer stehe.

Wie kam die Idee zum Film?

Ich hege keine wirkliche Urfaszination für Transsexualität. Während eines Festivals war ich umgeben von Menschen, die tief drin steckten in den fringe und queer cultures, und das faszinierte mich. Und die Filme, die das Thema behandelten, machten mich wütend, denn sie waren so voller Klischees, so sehr von Hollywood geprägt: Noch vor 30 Jahren waren Transfrauen in Filmen immer Huren. Ich suchte einfach nach etwas Ehrlicherem. So habe ich mit Open meine Vorstellungen und Erwartungen an dieses Thema umgesetzt.

Welche Regisseure inspirieren dich?

Sébastien Lifshitz mit seinem Feingefühl und seiner Subtilität. Auf der anderen Seite des Spektrums: Gregg Araki wegen seiner knallbunten, stilisierten Roadmovies mit ihrer 90er-Jahre-L.A.-Punk-Ästhetik. Auch der Humor von Takeshi Kitano inspiriert mich, und Bruno Dumont und Claire Denis. Mein Kindheits-Idol war David Bowie, und wie er von einem Medium zum anderen sprang. Das ist es, was mich am Filmemachen reizt: Auf der Suchen nach seinem eigenen Stil zieht man Inspiration aus allen Richtungen. Aber mit den Idolen ist das so eine Sache. Die Leute an meiner Kunstschule waren nur daran interessiert, die großen Filmregisseure und deren Stil zu imitieren. Sie waren auf der ständigen Jagd nach der Erfahrung, nach dem einzigartigen Gefühl, das ihnen ihre Lieblingsfilme geschenkt hatten. Deshalb ist der amerikanische Film auch so wenig innovativ.

Was wünschst du dir von der US-Gesellschaft?

Ich möchte, dass Leute mehr auf die Gefühle der anderen achten, dass sie stark sind, wenn andere sich schwach und verletzlich fühlen, denn das Herz ist unser aller Kern. Menschen, die grausam und verletzend sind, sind oft selbst verletzt worden.

Hast du den Eindruck, dass die Amerikaner offen mit ihrer Sexualität umgehen können?

Als ein Optimist würde ich gerne „ja“ sagen. Aber es ist schwer. Generell haben wir Amerikaner eine merkwürdige Einstellung zur Sexualität. We try before we buy. Unsere Liebesbeziehungen sind mit viel Fragilität, Ängsten und Zweifeln behaftet. Während die Generation unserer Eltern noch mit Regeln und Tabus brach, beobachte ich bei unserer Generation einen ungeheuren Druck, sexuell zu sein. Es ist auferzwungen und unnatürlich, und es macht die Menschen unglücklich.

Ich glaube, die Menschen müssen lernen, mit ihren Ängsten klar zu kommen. Erst wenn sie diese Ängste erkennen können, sind sie bereit, sich zu öffnen.

Und wovor hast du Angst?

Dass man mein Herz bricht, ganz klar. Denn das Herz ist der verletzlichste Teil deines Selbst.

Verarbeitest du diese Angst auch in deiner Kunst?

Gefühle sind für mich das Allerwichtigste. Es gibt keine Bewertung von Gefühlen, denn sie sind einfach da. Im letzten Jahrhundert haben viele Bereiche der Kunst eben dies vernachlässigt. Heute ist die Kunst sehr geprägt von konzeptuellem, psychologischem und wissenschaftlichem Denken; wir wollen alles in Kategorien einteilen. Aber all das kommt gegen ganz einfache Gefühle nicht an.

Ich glaube, diese Einstellung wird sich ändern, denn unsere Generation wird, ja muss sich ändern. Nach der Krise beginnen die Menschen zu erkennen, dass im Materiellen einfach die Substanz fehlt. Erst wenn die Leute etwas verlieren, merken sie, was wirklich wichtig ist.

Aus dem Englischen übersetzt von Mara Klein.