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„Viele Geschichten sind noch nicht zu Ende erzählt“

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Jan Rhein, Festivalleiter Univerciné Allemand Nantes, auf der 64. Berlinale

 

Der  deutsch-französische „Dialogue en Perspective“ geht auch nach der Berlinale weiter – Rebecca Raab, diesjähriges Jurymitglied, traf Jan Rhein, Direktor des deutschen Filmfestivals Univerciné Allemand, das alljährlich in Nantes stattfindet, zum Interview. Ein Nachwort.

RR: Herr Rhein, Sie sind nun das 5. Jahr auf der Berlinale, um mögliche Filme für das Festival Univerciné Allemand auszusuchen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Filme aus? Welche sind für Sie in diesem Jahr interessant?

JR: Unser Festival hat mehrere Zielgruppen. Neben Cinephilen richtet es sich auch an Menschen, die sich für Deutschland, die Sprache und die Kultur interessieren, ohne normalerweise auf Festivals oder besonders oft ins Kino gehen. Das ist ein Unterschied zu deutschen Filmfestivals in Deutschland: der landeskundliche und auch sprachliche Aspekt spielt neben dem rein qualitativen Aspekt schon auch eine Rolle, weil das Festival auch die Ambition hat, zum Kulturdialog beizutragen. Ich suche Filme, in denen die Zuschauer einen neuen Aspekt an Deutschland entdecken können, den sie noch nicht kannten. Dieser neue Blick kann durch die Form oder den Inhalt des Films bedingt sein, oder durch beides. Hauptsache, es gibt in und an den Filmen etwas für die Zuschauer zu entdecken!
Inzwischen schaue ich die Filme hier etwas anders als am Anfang, auch weil ich inzwischen besser weiß, welche Filme in Frankreich auf Interesse stoßen könnten, sowohl beim Publikum als auch bei Verleihern oder anderen Festivals. Ich glaube, ich kann inzwischen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit voraussagen, welche Filme es in Frankreich ins Kino schaffen werden.

Tendenz zur Öffnung

RR: Welche Veränderung stellen Sie fest, wenn Sie auf die letzten fünf Jahre zurückblicken? Gab und gibt es eine bestimmte thematische oder formale Veränderung in der Landschaft des deutschen Films? Oder vermissen Sie die Repräsentation solcher „neuen“ Filme auf der Berlinale?

JR: Ich glaube, etwas, das sich in den letzten Jahren geändert hat, ist eine Tendenz zur immer stärkeren Öffnung deutscher Filmemacher zu Welt: Man sagt und hört ja oft, dass das deutsche Kino „wiederkommt“. Es gibt immer mehr Filme, die in anderen Ländern, in anderen Sprachen gedreht sind. Das finde ich für ein deutsches Festival in Frankreich natürlich sehr interessant, weil das immer Diskussionen über nationale Identitäten erlaubt. Gibt es überhaupt einen „deutschen Film“? Tatsächlich hatte ich bisher nie Schwierigkeiten, 20 Filme im Jahr zu finden, die ich dem Nanteser Publikum guten Gewissens zeigen wollte. Manchmal vemisse ich aber im deutschen Film und speziell auf der Berlinale schon Filme, die etwas weniger über den Verstand und etwas mehr übers Gefühl funktionieren. Dass man in einem deutschen Berlinale-Film von Herzen lachen oder weinen muss, kommt eher selten vor und liegt dann meist doch eher an der Festivalübermüdung.

Das Unbekannte ins Bild rücken

RR: Univerciné Allemand ist ein nicht-kommerzielles Publikumsfestival, das in ein Netzwerk deutsch-französischer Kulturpolitik eingebunden ist. Inwieweit tragen Filmfestivals zum Kulturdialog bei? Im Bezug auf den deutsch-französischen Dialog, welche Filme funktionnieren in Frankreich/Nantes und aus welchem Grund?

JR: Ich würde sagen, dass es beim Kulturdialog immer darum geht, die Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem auszuloten. Daher funktionieren solche Filme am besten, die einerseits einen schon bekannten Aspekt (Schauspieler, Thema) haben, diesen aber überraschend anders ins Bild rücken. Ob ein Film in Deutschland tolle Kritiken oder Preise hatte, interessiert hingegen kaum. Ein Film wie der vorletzte Dialogue-en-Perspective-Gewinner This Ain’t California hat zum Beispiel deswegen so gut bei uns funktioniert. Er hat das für Franzosen sehr interessante DDR-Thema aufgegriffen, aber eine noch nie dagewesene Geschichte erzählt, über Skater in der DDR. Dazu kam noch das spannende Spiel mit dokumentarischem und fiktivem Erzählen, über das man natürlich lange diskutieren konnte. Ein Film also, der auf verschiedenen Ebenen funktionierte.

Deutsches Kino macht Schule

RR: Stichwort Publikumsfestival: Hat sich das französische Publikum gegenüber dem deutschen Film in den letzten Jahren verändert, insbesondere in Nantes? Können Sie eine gewisse Erwartungshaltung der Franzosen gegenüber dem deutschen Kino feststellen?

JR: Der deutsche Film ist in Frankreich immer noch ziemlich unbekannt, die großen Namen wie Fassbinder, Wenders etc. überstrahlen immer noch vieles. Aber das Interesse nimmt eher zu, was einerseits am deutschen Film liegen mag, andererseits am Publikum und einem wieder steigenden Interesse für Deutschland. Bei unseren Schulvorstellungen konnte ich letztes Jahr einen wirklich beeindruckenden Zuschaueranstieg feststellen, was auch mit dem wiederkehrenden Interesse fürs Deutschlernen in Frankreich erklärt werden könnte.

Neue und alte Geschichte(n) erzählen

RR: Ist deutsches Kino in Frankreich vornehmlich Geschichtskino? Muss deutsches Kino zwangsläufig deutsche Geschichte thematisieren, um in Frankreich Beachtung zu finden?

JR: Es stimmt, dass Filme über die Nazizeit wie auch über die DDR immer noch sehr großes Interesse finden – insbesondere bei dem Teil des Publikums, das unser Festival aus einem speziellen Deutschlandinteresse heraus besucht. Aber hier ist eben auch wieder die Grenze zwischen Bekanntem und Neuem interessant: Wie erzählen junge Filmemacher von der Vergangenheit? Da finden ja Perspektivwechsel statt. Als ich hier auf der Berlinale Annekatrin Hendels Dokumentarfilm Anderson über einen Stasi-Spitzel gesehen habe, wurde mir bei der anschließenden, emotionalen Diskussion auch wieder bewusst, dass viele Geschichten nicht nur für die Filmemacher, sondern auch aus Sicht des Publikums noch nicht zu Ende erzählt sind. Geschichtsfilme, die weiter in die Vergangenheit zurückgehen, finden hingegen fast gar keine Beachtung. Aber ein Film wie Dominik Grafs Die geliebten Schwestern ist ja auch in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung.

Ein Versuch zur Kunst – Deutsches Kino als „art et essai“

RR: Gab es in den vergangenen Jahren einen besonderen Überraschungserfolg unter den Filmen, die Sie bei Univerciné Allemand gezeigt haben? Oder sind es meist die Filme, die bereits in Deutschland Erfolge feiern konnten, die dann auch in Nantes am besten funktionieren?

JR: Es sind nicht immer dieselben Filme, die in Frankreich und Deutschland funktionieren. Vor allem bei Komödien ist das so – es genügt zu beobachten, dass die Spitzenreiter der deutschen Kinocharts in aller Regel keine französischen Verleiher finden, mit Ausnahme von Good Bye Lenin und Das Leben der anderen, wobei Letzterer aber auch keine Komödie, sondern ein Exempel deutscher Geschichtsaufarbeitung ist, was im Ausland als deutsches Kino immer „gern gesehen“ wird. In der Regel sind es dann aber doch eher die Filme von zum Beispiel Thomas Arslan oder Matthias Glasner, die ihren Weg ins Ausland finden. Und natürlich Barbara von Christian Petzold. Ich habe den Eindruck, dass das deutsches Kino in Frankreich fast automatisch als „art et essai“-Film wahrgenommen wird. Ob ein Film dann im Rahmen eines Festivals wie unserem Erfolg hat, hängt von ganz vielen Faktoren ab. So gibt es natürlich auch bei uns immer wieder Filme, die besser als erwartet funktionieren.